Humanismus im 21. Jahrhundert

Grundzüge eines Politischen Humanismus

Von Robin Ohle

Im 21. Jahrhundert begegnet die Erosion herkömmlicher Werteordnungen den Verwerfungen der bio-digitalen Ära. Die sodann entstehende moralische Leerstelle spannt sich in bedenklicher Weise zwischen Totalitarismus und Nihilismus. Könnte ein differenzierter Politischer Humanismus sie füllen? Eine Skizze.

Folgendes Gedankenspiel: Wir schreiben das Jahr 2048 und unsere Welt ist eine der pulverisierten Grenzen. Die hochkomplexen Verschaltungen des menschlichen Gehirns sind mittlerweile weithin verstanden, sodass man nicht nur die allermeisten psychiatrischen Krankheitsbilder durch minimale Interventionen kurieren, sondern unsere Geisteswelt gleich einer Festplatte auch quasi auslesen kann. Künstliche Intelligenz ist derart omnipräsent, dass unser alltägliches Leben ohne sie rasch kollabieren würde. Sie erledigt unsere Einkäufe, macht unsere Steuererklärung und manövriert unsere Frachtschiffe über die Ozeane. In dieser Welt hat China seine globale Hegemonie nicht zuletzt durch seine konsequente Genompolitik zementiert: Durch gezielte Eingriffe in das menschliche Erbgut gelingt es, biologisch optimierte und an definierte Anforderungen angepasste Individuen zu generieren. Soweit.

Unabhängig davon, ob wir von der heutigen Warte aus in solch einer Welt gern leben würden oder nicht, lassen sich zwei Feststellungen schwer negieren: Zum einen liegt solch ein Szenario bereits aktuell schon längst nicht mehr im trüben Dunst des Absurden; zum anderen geriete unser gesellschaftsphilosophisches Gerüst unter diesen Umständen, um es vorsichtig auszudrücken, empfindlich unter Druck. Die Geschichte lehrt, dass eine angesichts rapider äußerer Entwicklungen stagnierende Gesellschaftsordnung allerhand Probleme mit sich bringt und letztlich gar in der völligen Selbstabschaffung gipfeln kann. Unsere junge Generation muss sich daher mit dieser unbequemen Tatsache endlich auseinandersetzen und die Debatte um unser künftiges gesellschaftspolitisches Mindset mutig führen.

Im Zentrum dieser Betrachtungen sollten dabei stets der Mensch und seine Interaktion mit einer zunehmend komplexen Umwelt stehen. Aus meiner These, dass sich ein an die Anforderungen dieses Jahrhunderts angepasster Humanismus als fruchtbarer Nährboden für entsprechende gesellschaftliche Vordenkerinnen und Vordenker qualifiziert, ergibt sich in meinen Augen die zwingende Konzeption eines “Politischen Humanismus”, welchen ich in der gebotenen Kürze kompakt anhand einiger Kernpunkte skizzieren möchte:

Ein neuer Kompass

Ein Politischer Humanismus wird in der Lage sein, anhand gefasster Grundsätze belastbare Antworten auf die großen gesellschaftlichen und menschlichen Fragen zu liefern. Drum wird er auch imstande sein, Orientierung zu spenden in einer Welt voller Abzweigungen und Unschärfen, wird die Basis einer modernen Gesetzgebung darstellen und den Boden bereiten für neue Visionen nationaler wie internationaler Natur.

Tabula rasa?

Ein Politischer Humanismus des 21. Jahrhunderts wird verwurzelt sein in der Tradition der Europäischen Aufklärung – doch diese zugleich auch weiterentwickeln und an relevante äußere Faktoren anpassen. Eine in den zurückliegenden Jahrtausenden verhaftete Sicht auf die Welt ist zunehmend überfordert mit den über sie hinausweisenden Herausforderungen unserer Zeit, etwa den potentiell weitreichenden gestalterischen Optionen der Genom-Editierung, wie sie die “Genschere” CRISPR/Cas eröffnen könnte. Nichtsdestotrotz markiert dieses kulturelle Erbe den Hafen, von welchem es aufzubrechen gilt. Gemeint ist somit nicht ein radikaler Umsturz bestehender moralischer, ethischer und politischer Grundbausteine, sondern deren gezielte Evolution hin zu ganzheitlicheren Modellen der Zukunft.

Der einzelne Mensch

Ein Politischer Humanismus wird Vorschläge für die Eckpfeiler und Dimensionen menschlicher Existenz unterbreiten und dabei berücksichtigen, dass unser Leben durch biotechnologische und digitale (bio-digitale) Entwicklungen in Zukunft völlig neuartigen Tendenzen unterworfen sein könnte. Die kleinste Einheit dieser Überlegungen ist dabei stets der einzelne Mensch, sodass der Individualismus auch weiterhin als wichtige Substanz menschlichen Zusammenlebens betrachtet werden muss. Daraus ergeben sich auch Fragestellungen der Definition, etwa hinsichtlich des genuin “Menschlichen”, auf welche es gemeinsam langfristige Antworten zu finden gilt. Zugleich muss solch ein gedankliches Konstrukt rationale Aussagen bezüglich der Einordnung eines Individuums in die gesellschaftliche Struktur treffen und aufzeigen, durch welche Prinzipien die individuelle gesellschaftliche Teilhabe gekennzeichnet sein sollte.

Ein Politischer Humanismus ist inklusiv

Zu wissen und zu verstehen ist ein der menschlichen Natur zugrunde liegendes Bedürfnis. Nur schwer ertragen wir es, Dinge im Dunkeln lassen zu müssen und trachten nach möglichst plausiblen Erklärungen für das uns Umgebende. Die zivilisatorische Entwicklung von der Entstehung früher tribaler Kulte über das Aufkeimen großer Religionen bis hin zur hochtechnisierten Wissenschaft des heutigen Tages kann man vor diesem Hintergrund durchaus als ein Kontinuum des menschlichen Erkenntnishungers begreifen, entlang dessen sich unsere Spezies immer präzisere Instrumente der Weltdeutung erschloss. Die infolge unvermeidlicher weltanschaulicher Verdrängungseffekte entstehenden Konflikte wurzeln nicht selten in der verschiedenartigen Beantwortung der existenziellen Kernfrage: Worin besteht der Sinn unseres Daseins? Obschon ein Politischer Humanismus die Maxime menschlicher Ratio hochhalten wird, ist er darum bemüht, in inklusiver Weise Brücken über weltanschauliche Gräben zu errichten und Gemeinsamkeiten zu suchen, die der Sinnsuche des Individuums Rechnung tragen.

Freilich gäbe es noch eine Fülle weiterer zentraler Aspekte, auf die man vor diesem Hintergrund eingehen könnte. Für den Moment jedoch soll es dabei belassen werden.

Abschließend gilt festzuhalten: Zeiten der Disruption sind für die Menschheit stets Zeiten der Anstrengung, der Angst und des drohenden Verlustes. Zugleich darf man bemerken, dass es in der Vergangenheit regelmäßig diese Phasen des Wankens und der Ungewissheit waren, aus denen schließlich die Triebe größten Fortschritts sprossen. Es gilt daher, sorgsam zu sondieren und gemeinsame Kompromisse zu finden. Die Worte des britischen Philosophen Alfred North Whitehead bewahren vor diesem Hintergrund auch heute noch ihre Gültigkeit: “Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu wahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrechtzuerhalten.”

Robin Ohle

humenta fellow