Humanismus im 21. Jahrhundert

Hilfe, die Roboter nehmen uns das Menschsein weg! Aber was ist eigentlich menschlich?


Wir leben nach dem Paradigma von Leistung als höchstem Wert, und lassen davon unseren Wert als Mensch bestimmen. Doch ist Leistung wirklich das alles entscheidende Kriterium, an dem wir uns messen wollen? Sind Maschinen nicht eigentlich mal erschaffen worden, um uns zu dienen, statt uns zu ersetzen? Wenn wir das Paradigma der Leistung als absoluten Wert mal beiseiteschieben würden, was bliebe von uns Menschen übrig? Ein Gedankenspiel.

Von Clara-Michaela Dvorak

Der Leitsatz „Leistung bringt menschlichen Wert“ ist für viele der „Motor“, der sie tagtäglich antreibt und um den die Gesellschaft in diesen Breitengraden ihre Strukturen schafft. Sobald wir nicht arbeiten, fallen wir aus der Gemeinschaft heraus, werden zu Arbeits-losen. Plötzlich fehlt uns also etwas und dieses Defizit tragen wir vor uns her, bis wir eine neue Anstellung und damit eine neue Identität erlangt haben. Das manifestiert sich auch in unserem Smalltalk: Auf die Frage „Was machen Sie?“ oder „Wer sind Sie?“ kommen oft Berufsbezeichnungen als Antwort.

Dieses Narrativ begleitet uns schon seit geraumer Zeit. Spätestens seit der Industrialisierung misst sich der Mensch in puncto Arbeitskraft ständig mit der Maschine, dem zuverlässigen, niemals erkrankenden Roboter. Dabei wäre die Industrialisierung auch eine Chance zum Umdenken gewesen. Weg vom Leistungsgedanken, hin zu mehr Müßiggang. Weg vom Konzept der „Erwerbsarbeit“ hin zu einer breiteren Definition von Arbeit als Beschäftigung jeglicher Art.

Aber anstatt mit anderen menschlichen Qualitäten gesellschaftliche Wertschätzung zu erhalten, hielt sich der Mensch mehr denn je an den Glaubenssatz „ich bin was wert, wenn ich was leiste“ und suchte neue Möglichkeiten, ihm gerecht zu werden. In diesem Sinne ist es vielleicht sogar der einfachste und logische Schritt, Maschinen nachzueifern, weil sie scheinbar eine klare Vorstellung von „Leistung“ vermitteln.

In der heutigen Zeit spitzt sich die Situation zu. Die Maschinen werden immer leistungsfähiger, fehlerfreier und autarker. Sie lernen selbst Dinge, lediglich auf Basis eines Algorithmus. IngenieurInnen bringen ihnen bei, Gemälde zu malen und gelernte Muster, wie Katzen oder auch Krebszellen in Bildern zu erkennen. So scheint es im Moment, als ob sogar die Kreativität, die lange als letzte, unveräußerlich menschliche Qualität gehandelt wurde, von den Maschinen vereinnahmt wird. Spätestens jetzt sollte der Mensch aufhören, sich mit Maschinen zu vergleichen. Denn was in dieser Diskussion nun sichtbar wird, ist, dass die Frage nach dem Menschlichen zur Unsinnigkeit verkürzt und pervertiert wird, wenn wir versuchen, sie durch einen Leistungsvergleich mit der Maschine zu beantworten. Und der Mensch kann dabei nur verlieren.

Trotzdem haben wir nach wie vor eine 40+ Arbeitsstundenwoche, sollen flexibler werden und unser Leben um das Unternehmen herum organisieren. Anscheinend gilt die Stundenanzahl als Indikator für Produktivität und Leistung. Studien mit dem Ergebnis, dass der Mensch höchstens fünf Stunden am Tag wirklich konzentriert arbeiten kann, verhallen noch immer ungehört. Sie bräuchten als Begleiter ein alternatives Narrativ. Ein Narrativ, das sich kritisch mit der Definition von Leistung auseinandersetzt und alternative Möglichkeiten für das In-der-Welt-sein aufzeigt.

Denn ist Leistung wirklich das alles entscheidende Kriterium, an dem wir uns messen wollen? Brauchen wir nicht eher einen anderen Blick auf Maschinen, als Mittel zum Zweck und nicht als Konkurrentinnen? Ein Zweck könnte sein, der Frage nachzugehen, was denn überhaupt typisch menschlich ist. Und das nicht durch den Vergleich mit den Maschinen, wie wir es bis jetzt gemacht haben. Doch was wäre da die Alternative? Was bleibt vom Menschen übrig, wenn wir das Paradigma der Leistung als absoluten Wert einmal beiseiteschieben?

Dieser Frage sind schon einige Menschen vor unserer Zeit nachgegangen. Verdichtet findet sich die Auseinandersetzung mit menschelnden Menschen im Humanismus. In unserer heutigen Zeit kann er fernab von Religion und anderen Ideologien Quelle der Inspiration sein. Er bietet einen menschlichen Maßstab an und eröffnet jedem einzelnen Menschen die Möglichkeit, seinem Leben Sinn zu geben, unabhängig von einer Gottheit.

Typisch menschlich wäre also beispielsweise, sich den technischen Erneuerungen kulturell zu nähern und uns diese Erneuerungen menschlich anzueignen, sie zu unserem Vorteil herzunehmen. Typisch menschlich ist zu meinen, genau Bescheid zu wissen, was „normal“ und „gesellschaftlich anerkannt“ ist – und dann immer wieder im Gespräch mit anderen zu merken, dass es weitere Normalitäten und Realitäten gibt. Der Mensch braucht keine maschinelle Optimierung, sondern eine Rückversicherung, dass er Mensch sein darf und muss, um mit anderen Entitäten ein Zusammenleben aushandeln zu können.

Der Humanismus kann uns ermöglichen, das Menschsein nicht als Mangel, sondern als eigenen Wert wahrzunehmen.
(In diesem Sinne, gutes Menscheln!)

Clara-Michaela Dvorak

von Clara-Michaela Dvorak

humenta fellow