Humanismus im 21. Jahrhundert

Humanismus und Wissenschaft

Von Eberhard Schockenhoff

Viele der Hoffnungen, die sich an den Fortschritt der Wissenschaft knüpften, haben sich inzwischen erfüllt. Die Verlängerung des Lebens, die Zurückdrängung von Krankheiten, die Erleichterung der Arbeit und die Erweiterung des geistigen Horizonts durch Reisen in ferne Länder und das Durchstreifen digitaler Welten belegen eindrucksvoll, wie sehr sich die conditio humana unter dem Einfluss von Wissenschaft und Humanismus verändert haben.

Der Humanismus und die moderne Naturwissenschaft haben einen gemeinsamen Ursprung: die Aufklärung oder jene Epoche der europäischen Geschichte, die wir heute die Moderne nennen. Zwar reichen die geistesgeschichtlichen Wurzeln des Humanismus bis in die griechische Philosophie und ihren Glauben an die Gleichheit aller Menschen sowie die jüdisch-christliche Religion zurück. Diese begründete mit ihrer Überzeugung, dass nicht nur der König, sondern jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist und eine unveräußerlichen Würde besitzt, eine eigenständige religiöse Spielart des Humanismus. Dennoch artikulierte sich dieser erst in der Neuzeit als eine globale Weltanschauung, mit der sich seit der Französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung der Anspruch auf eine politische Umgestaltung der alten Feudalordnung verband. Die politischen Schwestern des Humanismus sind seitdem die Ideen der Demokratie und der Menschenrechte, deren weltweite Durchsetzung und Anerkennung seine gesellschaftstheoretische Hauptforderung darstellt.

Seitdem sie sich von den antik-mittelalterlichen Ideal kontemplativer Naturbeobachtung löste und sich als experimentelle, auf Naturbeherrschung gerichtete Wissenschaft konstituierte, verstand sich die moderne Naturwissenschaft als Vorkämpferin des neuzeitlichen Projekts der Befreiung des Menschen. Während der Humanismus ihn lehrt, die geistige Enge religiöser Bevormundung zu überwinden und die revolutionären Bewegungen ihn von den Fesseln feudaler Herrschaft befreien wollen, verfolgen die modernen Naturwissenschaften das Ziel, die Grenzen der Natur zu erweitern und ihre Beschränkungen abzustreifen. „Das wahre und rechtmäßige Ziel der Wissenschaft“, heißt es im Novum Organon von Francis Bacon, dem eigentlichen Begründer des modernen Wissenschaftsideals, „ist kein anderes, als das menschliche Leben mit neuen Erfindungen und Mitteln zu bereichern.“[1] Dies ist der Sinn des Bacon zugeschriebenen Wortes „Wissen ist Macht“, in dem sich der Anspruch der Wissenschaft auf Naturbeherrschung in einer programmatischen Aussage artikuliert. Die Herrschaft der Wissenschaft über die Natur ist dabei als die edelste und höchste Form menschlicher Machtausübung gedacht, denn sie kommt, anders als die Herrschaft eines Feldherrn oder eines Staatenlenkers, nicht nur einem einzelnen Volk, sondern der Menschheit im Ganzen zugute.[2]

Viele der Hoffnungen, die sich an den Fortschritt der Wissenschaft knüpften, haben sich inzwischen erfüllt. Die Verlängerung des Lebens, die Zurückdrängung von Krankheiten, die Erleichterung der Arbeit und die Erweiterung des geistigen Horizonts durch Reisen in ferne Länder und das Durchstreifen digitaler Welten belegen eindrucksvoll, wie sehr sich die conditio humana unter dem Einfluss von Wissenschaft und Humanismus verändert haben. Während der klassische Humanismus aber bereit war, die Kontingenz und Endlichkeit des Menschseins als den vorgegebenen Rahmen der Natur zu akzeptieren, schickt sich der Transhumanismus dazu an, eine Verbesserung des Menschen zu denken, die auch die äußerste Grenze der Natur, die Sterblichkeit und den Tod, in ein beliebig datierbares, vom Menschen selbst nach seinen Vorstellungen zu gestaltendes Projekt verwandelt. Derartige Überlegungen sollten nicht vorschnell ins Reich der Spekulation verwiesen, aber durch die nüchterne Gegenfrage geerdet werden, ob die Realisierung solcher Träume tatsächlich ein Segen für die Menschheit oder nicht vielmehr ein Fluch wäre. Die kühnen Visionen des Transhumanismus verfolgen kein geringeres Ziel als die Selbstüberwindung des Menschen. Der Einspruch im Namen der Menschlichkeit, der gegenüber den ehrgeizigen Zielen der Anti-Aging-Medizin oder mannigfacher Enhancement-Strategien angebracht ist, knüpft an der skeptischen Denktradition an, die ebenfalls zum geistesgeschichtlichen Erbe des europäischen Humanismus gehört. Die humanen Intentionen der Wissenschaft können auch umkippen und ein szientistisches Bild vom Menschen entwerfen, das auf seine Verwandlung in ein anderes Lebewesen, und somit in seine Abschaffung als Mensch hinausläuft.

Dies lässt sich anhand einiger populärwissenschaftlicher Interpretationen neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse illustrieren, die daraus ein Ende der Willensfreiheit ableiten wollen. Sie deuten die neuronalen Korrelate, die unsere subjektiven Erlebnisse und Bewusstseinszustände und somit auch unser Freiheitsempfinden begleiten, im Rahmen eines reduktiven Physikalismus. Dieser hält unser subjektives Erleben, das uns als Menschen auszeichnet, für ein abgeleitetes Epiphänomen materieller Ursachen, dem keine eigenständige Realität im Aufbau der Welt zukommt. Diese Prämisse ist jedoch selbst kein empirisches Forschungsergebnis, sondern ein weltanschauliches Postulat, das als solches unbewiesen bleibt. Noch immer herrscht in manchen naturwissenschaftlichen Kreisen ein naiver metaphysischer Realismus vor, der den „objektiven“ Naturbeschreibungen der Wissenschaft einen höheren Realitätsgehalt als dem „nur“ subjektiven Erleben von Freiheit, Schuld und Verantwortung zuspricht. Nur wenn man diese zumeist unreflektierte ontologische Prämisse teilt, kann ein Phänomen wie die Willensfreiheit als eine Illusion, ein bloßes Gefühl oder als subjektives Konstrukt betrachtet werden.

Die subjektiven Fähigkeiten des Menschseins und die Dimension des Mentalen bezeichnen nicht nur eine ontologisch abkünftige Modalität des Realen, die sich wie der Schaum einer Welle als abgeleitetes Epiphänomen einer materiellen Grundschicht begreifen ließe, die wissenschaftlichen Erklärungsversuchen offensteht. Das Subjektive und Mentale bildet vielmehr selbst den unhintergehbaren Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen Welterklärung; es kennzeichnet eine eigenständige ontologische Dimension der Welt, in der wir als Menschen leben.

Aus einer alle Dimensionen des Menschseins umgreifenden Perspektive, wie sie der Sichtweise eines integralen Humanismus entspricht, zeigt sich auch das wissenschaftliche Beobachten, Messen und Vergleichen als eine Form des menschlichen In-der-Welt-Seins, das den Subjektstandpunkt des Denkens voraussetzt. Wissenschaft und Naturforschung sind überhaupt nur möglich, weil das menschliche Dasein eine gegenüber der Seinsart von Steinen, Gegenständen und physikalischen Entitäten jeder Art ursprünglichere Modalität des Seins bildet. Wäre dies anders, könnten Menschen sich nicht erkennend auf die äußere Welt beziehen, wie es im wissenschaftlichen Experiment oder dem Versuch der theoretischen Erklärung von Naturvorgängen geschieht. Wollte die Wissenschaft dagegen den Anspruch erheben, einen objektiven Nachweis über den angeblich nur illusionären Charakter dessen zu führen, was den Menschen überhaupt erst zum Menschen macht, würde sie ihre eigenen humanistischen Intuitionen verraten und sich mit einer Welt zufrieden geben, in der Freiheit, Verantwortung und Würde nur noch leere Begriffe wären. Die Wissenschaft würde sich dann gegen ihre eigenen Wurzeln wenden und ihr humanistisches Erbe verraten. Ein szientistischer Blick auf den Menschen, der sich selbst als die einzige ernstzunehmende Sichtweise auszeichnet, beraubt den Menschen der charakteristischen Merkmale seiner Lebensform, die ihn nach humanistischer Überzeugung zum Menschen machen: seiner Freiheit und Würde, aber auch seiner Fehlbarkeit und Schuldfähigkeit und am Ende – seiner Endlichkeit, seiner Kontingenz und seines Rechts, ein fehlerhaftes, sterbliches Wesen zu sein.

[1] Neues Organon, Teilband 1, hg. von B. Kron, Hamburg 1990, 173.

[2] Vgl. Aphorismus 129, a.a.O., 271.

Eberhard Schockenhoff

Eberhard Schockenhoff

humenta expert - Theologe und Buchautor