Humanismus im 21. Jahrhundert

Die Würde des Landstreichers

Von Victoria Vosseberg

Was ich von Charlie Chaplin über Würde und Menschlichkeit lernte.

Ein Mann läuft eine Landstraße entlang. Er trägt einen Hut, eine Krawatte und einen Mantel mit Revers. Seinen Spazierstock schwenkt er lässig neben sich her. Ein Gentleman auf einem Spaziergang, so scheint es, lediglich das kleine Bündel in seiner Hand ist etwas ungewöhnlich. Da kommt ein Auto die Straße entlang gerast, fährt ihn beinahe über den Haufen und gleich danach noch eines aus der anderen Richtung. Der Mann rappelt sich auf, nimmt eine Bürste aus seinem Bündel und beginnt, sich den Staub notdürftig von der Kleidung zu putzen. Und spätestens nun sehen wir, dass sein Mantel abgenutzt und ausgefranst ist, voller Löcher in den Schößen und den Ärmeln. Dies kümmert den Mann nicht im Geringsten, er bürstet ihn so sorgsam ab, als handele es sich um seine neueste, kostbare Anschaffung.

So lernte die Welt 1915 zum ersten Mal den Tramp kennen – Charlie Chaplins charakteristische Kunstfigur, um die sich fortan zahlreiche seiner Filme spannen. Der Tramp, engl. „Landstreicher“, ist genau das: ein umherziehender Vagabund, der sich der Gesellschaft entzieht durch seine konsequente Weigerung, Teil ihres kapitalistischen Lohnarbeitssystem zu werden. Selbst wenn ihm Arbeit angeboten wird, hält er sie nie lange durch, stellt sich absichtlich so ungeschickt an, dass seine Kollegen ihm die Arbeit abnehmen müssen und schwingt sich dennoch oft in kürzester Zeit zum heimlichen Alphatier auf, dass die anderen Arbeiter fest im Griff hat. Mit ein wenig mehr Ehrgeiz und Disziplin müsste dieser Kerl es eigentlich zum Vorarbeiter bringen können, doch in irgendeiner Weise gebunden zu sein, behagt ihm nicht, der lange Atem zum Erklimmen der Karriereleiter geht im ab und so bleibt er in seiner prekären Lebenssituation verhaftet.

Was nach der Beschreibung eines Sozialdramas aus der Arbeiterschicht des frühen 20. Jahrhunderts klingt, machte Chaplin zum Ausgangspunkt seiner Komik. Der Tramp ist lustig, weil er zwar als heruntergekommener Schlucker am sozialen Abgrund steht, aber dennoch umher stolziert wie ein Gentleman, mit Hut Stock, Krawatte und Gehrock. Obwohl es ihm eigentlich egal sein müsste, achtet er im Rahmen seiner Möglichkeiten penibel auf Sauberkeit, zupft stets seine Kleidung zurecht, reinigt sich demonstrativ oft die Nägel, und wenn er auf Stroh schläft, forkt er dieses morgens wieder ordentlich zusammen, als würde er sein Bett machen. Wünscht er zu speisen, deckt er den Tisch, auf den selbstverständlich eine Tischdecke gehört – findet er keine, nimmt er ein altes Hemd und arrangiert die Ärmel so, dass sie wie gefaltete Servietten neben dem Besteck liegen.

Durch diese kleinen Details hält er ein bürgerliches Wertesystem in einer Situation hoch, in der das Ausmaß der existenziellen Katastrophe so groß ist, dass dies eigentlich sinnlos und absurd scheint. Damit hinterfragt er einerseits spöttisch die Klassenvorstellungen seiner Zeit und was es heißt, „anständig“ und „zivilisiert“ zu sein. Andererseits sehen wir hier aber auch einen Menschen, der aller Widrigkeiten zum Trotz, nicht bereit ist, eine gewisse Form von Würde aufzugeben. Diese Sturheit, die bei Johannes Pinneberg, dem Protagonisten aus Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ den Weg ins Dilemma bahnt, bildet beim Tramp ein heroisches Element. Sie ist die äußerliche Manifestation einer inneren Haltung, die auf der Erkenntnis fußt, dass Würde nicht an sozialen Status gekoppelt, sondern eine geistige Haltung ist. Reinlichkeit ist beim Tramp Ausdruck von Selbstachtung und Selbstachtung ist die Voraussetzung, um von anderen geachtet zu werden. So wenig er Schmutz duldet, so wenig duldet er es, herumgeschubst zu werden. Dieser Behauptungswille bringt ihn zum Vergnügen des Publikums in aberwitzige Situationen, wenn er Räubern, tyrannischen Mitmenschen, Ordnungshütern und anderen Vertretern gesellschaftlicher Obrigkeit ein Schnippchen schlägt. Er macht den Tramp zu einem Kämpfer für persönliche Freiheit und erfüllt die Sehnsucht der Zuschauer nach Unabhängigkeit. Was immer ihm an Leid und an Schikanen widerfährt, der Tramp ist ein Freigeist, dem niemand seine innere Autonomie nehmen kann. Und gleichzeitig hat er eine Veranlagung zur Niedertracht, Faulheit und Selbstsucht. Zwar mag er einer Frau in Not helfen, sich der Räuberbande, die hinter ihrem Geld her ist, zu erwehren. Kurz darauf ist er aber selbst versucht, das Bündel Scheine an sich zu nehmen. In jeder Situation muss sich der Tramp aufs Neue entscheiden, ob er dem Impuls zum Guten oder zum Verwerflichen nachgeben will. Das macht diese Figur so menschlich, gerade im humanistischen Sinne.

Denn das Ziel des humanistischen Bildungsstrebens war es, zu vollendeter Menschlichkeit, humanitas, zu gelangen. Dem lateinischen Begriff wohnt einerseits ein Bildungsstandart inne, dem in etwa der deutsche Begriff Allgemeinbildung entspricht. Andererseits liegt in ihm aber auch eine Vorstellung von Mitgefühl und Verständnis für die eigene Fehlbarkeit und v.a. die der anderen begründet, die den Grundstein für das Konzept der menschlichen Würde und der Selbstachtung bildete. Anders als Ehre und Ruhm, die einen durch die Gesellschaft zugeschriebenen äußeren Wert darstellen, kommt die Würde von Innen.Sie ist das Bewusstsein des eigenen Wertes und eine daraus resultierende Haltung, die in einen Gestaltungsauftrag mündet, wenn wir uns z.B. entschließen, unerträgliche Zustände nicht weiter hinzunehmen, sondern zu verändern, im äußersten Falle durch Rebellion.

Ein derartiges Konzept wäre kaum denkbar ohne die Humanisten der Renaissance.  Giovanni Pico della  Mirandolas „Rede über die Würde des Menschen“, die quasi zur Programmschrift des neuen Menschenbildes in der Renaissance wurde, sieht die besondere Würde des Menschen in seiner Vielseitigkeit. Anders als alle anderen Geschöpfe habe der Mensch von Gott keine spezifische Funktion erhalten und sei so nicht an einen bestimmten Lebensraum gebunden. Dies mache ihn frei, sein Leben und die Welt um sich herum selbst zu gestalten und darin sei er Gott ähnlich. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bedürfe es einer umfassenden Bildung.  Mit Bildung meinten die Humanisten ein intensives Studium der lateinischen, v.a. aber der griechischen Philosophen und Geschichtsschreiber in der jeweiligen Originalsprache. Maßgebliche Inspiration war der griechische Begriff der paideia, womit bewusst keine handwerkliche, sondern eine geistige Bildung gemeint ist, durch welche der Mensch zur arete, d.h. Vortrefflichkeit, Tugendhaftigkeit gelangen sollte. Cicero verknüpfte paideia dann mit dem lateinischen humanitas, indem er Humanität als etwas beschreibt, dass dem Menschen nicht etwa angeboren sei, sondern zu dem er während seiner Jugend durch die Erziehung geformt und gebildet werden müsse. Aus der Reflexion des eigenen Handelns in der Erziehung leite der Mensch Lektionen für sein zukünftiges Handeln ab und gelange zur Vernunft, die essentiell für die humanitas sei. Bildung sei daher nicht nur die Anhäufung von Wissen, sondern das Verinnerlichen moralischer Werte durch eigene Reflexion, das zu vernünftigem Verhalten und somit Würde führe. Die Renaissance-Humanisten entwickelten daraus ein neues Selbstverständnis als frei und selbstständig denkende Menschen, die das Bildungsmonopol des Klerus in Frage stellten und für sich eine geistige Unabhängigkeit und einen Gestaltungsauftrag beanspruchten.

Eben jene geistige Unabhängigkeit beansprucht auch der Tramp. Zwar waren die Humanisten ein kleiner Kreis der europäischen Oberschicht, der sein Menschheitsideal durch einen für damalige Verhältnisse extrem elitären Bildungsbegriff verwirklichen wollte. Der Tramp verfolgt aber dasselbe Ziel, gewissermaßen aus einer bodenständigen Perspektive heraus. Weil der Tramp sich stets bewusst für das Gute in ihm entscheiden muss und dann die positiven Folgen seiner Entscheidung sieht, kann er seinen eigenen Wert in der Kette zwischenmenschlicher Beziehungen feststellen und seine Würde erkennen. Er mag ein Landstreicher sein, einer, der am Rande der Gesellschaft um das bloße Existenzminimum kämpfen muss, immer auf der Schwelle zum endgültigen Ausschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe, doch er weiß um seinen Wert und diesen führt er sich regelmäßig vor Augen. Daraus zieht er seine Stärke, seine geistige Unabhängigkeit und seinen Optimismus, mit denen er am Ende jedes Films dem nächsten Abenteuer entgegen geht. Der Tramp hat verstanden, was menschliche Würde ist und das hält ihn nicht nur am Leben in unruhigen Zeiten, es macht ihn auch zu einem augenzwinkernden Beispiel für alltäglich gelebten Humanismus –  zu jeder Zeit.

Victoria Vosseberg

Victoria Vosseberg

humenta fellow