Humanismus im 21. Jahrhundert

Plädoyer für einen säkularen Humanismus

Von Johannes H.

Während wir uns gesellschaftlich in vielen Bereichen auf epochale Umbrüche zubewegen und die Innovation von heute im Antiquariat von morgen landet, erweist sich der Einfluss von Religion auf unser Leben und unsere Gesellschaft seit jeher als hartnäckig. Im Hinblick auf das Potential des Homo sapiens sollte und kann dies ein Humanismus im 21. Jh. nicht tolerieren.

„Es kann sein, dass die Menschheit an der Schwelle eines goldenen Zeitalters steht; aber wenn dem so ist, muss erst der Drache getötet werden, der das Tor bewacht, und dieser Drache ist die Religion.“

(Bertrand Russell)

Wer sich in unserer Welt auf die Suche nach dem Übel macht, welches die Kreativität und Entwicklung, die Bildung und das Glück des Menschen, ja das Menschsein selbst auf fundamentalste Art und Weise behindert, dieses zu brechen, zu verstümmeln, zu misshandeln versucht, der kann am Ende seiner Suche nur die Religion finden. Auf der ganzen Welt vergiftet sie den Geist der Menschen mit Irrationalität, Zwietracht und Vorurteilen. Wie ein Ungeheuer tyrannisiert sie Staaten und Gesellschaften, verursacht namenloses Leid und fesselt die Menschen in einem unsichtbaren Netz aus Angst und Beklemmung.

Die Aufklärung hat im Europa des ausgehenden Mittelalters die Türen zum Gefängnis der Religion aufgebrochen und die menschliche Vernunft zur effektivsten Waffe im Kampf gegen die Jenseitsbezogenheit und Unmündigkeit der Menschen erkoren. Nach dieser historischen Initialzündung konnten im Laufe der folgenden Jahrhunderte Menschenrechte, Demokratie und humanistische Werte gegen den massiven Widerstand der institutionalisierten Religion erkämpft und etabliert werden, welche heute die Grundlage unseres Rechtsstaates und somit den Rahmen für ein friedliches gesellschaftliches Miteinander darstellen.

Mittlerweile leben wir in einer Welt, in welcher uns der wissenschaftliche und technologische Fortschritt der letzten Jahre und Jahrzehnte eine Lebensqualität beschert, welche den Menschen vor wenigen Generationen noch wie Zauberei erschienen wäre. Wir haben durch Wissenschaft Antworten auf Fragen gefunden, welche uns zum Mond fliegen, Atome spalten und das menschliche Genom editieren lassen. Diese und andere fundamentale Errungenschaften des Homo sapiens, welche in ihrer Summe die Stützpfeiler unserer modernen Zivilisation darstellen, haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind der Unaufhaltsamkeit menschlichen Forschungs- und Entwicklungsdrangs geschuldet, deren Ziel die Verbesserung unserer Lebensumstände und die Zähmung des Unkontrollierbaren sind. Mit jeder Entdeckung und jeder neuen Entwicklung erobert der Mensch ein Stück Macht gegenüber der Gnadenlosigkeit der Natur und des Unbekannten.

Die Verbesserung menschlicher Lebensumstände ist es auch, welche von der Religion seit jeher behindert wird. Mit jeder neuen Erkenntnis über die Natur, die Welt und das Universum sieht sie ihre Deutungshoheit und ihre Macht schwinden. Die sublime Logik der Wissenschaft, die mit ihren Methoden gewonnenen Erkenntnisse und ihre allzeitliche Anwendbarkeit sind wie ein reißender Strom, welcher das faule Gemäuer der Religion hinwegfegt und ihre Dogmen und ihre hanebüchenen Lehrsätze zur Erklärung der Welt und des Lebens in Richtung der steilen Abgründe der Absurdität und der Bedeutungslosigkeit treibt.

Wie die Ratte auf einem sinkenden Schiff klammert sich die Religion ängstlich an das letzte Stück Holz, welches sie außerhalb der Wirkungssphäre der Wissenschaft wähnt und ehern für sich beansprucht: Die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Leid in der Welt, nach dem Anfang und dem Ende aller Dinge. Auf wissenschaftlich nicht zugängliche Fragen will die Religion Antworten bieten, deren Gültigkeit sie für ewig und unangreifbar hält. Dabei ignoriert sie mit Hartnäckigkeit, dass bestimmte Fragen aufgrund ihrer Sinnlosigkeit schlicht keine Antwort verdienen, selbst wenn man der Suche nach diesen eine ganze Ewigkeit widmen würde: „Wieso existieren wir?“, „Weshalb gibt es das Gute und das Böse?“, „Warum hat der unsichtbare Klabautermann in meiner Hosentasche Bauchschmerzen?“. Ein Großteil der Inhalte religiöser Weltanschauungen wirft zu allem Überfluss mehr neue Fragen auf, als er zu beantworten imstande ist.

Nachdem die Religion in den vergangenen 500 Jahren Schritt für Schritt das Monopol auf die Erklärung der Welt verloren hat, beansprucht sie es nun umso mehr für die verbleibenden Lücken, in die sie sich mit der Expansion der Wissenschaft und der kontinuierlichen Verdrängung der Dunkelheit aus den Lehrbüchern der Menschheit zurückziehen musste. Leider werden selbst in einem säkularen Staat wie Deutschland Schaltstellen politischer Entscheidungsfindung immer noch mit Religionsvertretern besetzt, da man diesen ohne kritisches Hinterfragen eine besonders ausgeprägte Kompetenz bei der Lösung ethischer Dilemmata zuschreibt, welche wissenschaftliche Entwicklungen oder der gesellschaftliche Zeitgeist mit sich bringen.

Noch fehlt der Mut, die vor langer Zeit begonnene Befreiung des Menschen von der Religion konsequent zu Ende zu führen und sämtliche religiösen Befindlichkeiten aus den Debatten und politischen Entscheidungen, welche unsere Gesellschaft und uns als Menschen formen, zu verbannen. Lassen wir uns die Religion endlich als das betrachten, was sie ist: Ein institutionalisiertes Produkt menschlicher Fantasie.

Es war nie leicht einen Drachen zu töten, doch es war auch nie unmöglich. Haben wir gemeinsam den Mut! Brechen wir auf zu einem goldenen Zeitalter!

Johannes H.

Johannes H.

humenta fellow