Humanismus im 21. Jahrhundert

Ein Humanismus für das 21. Jahrhundert

Von Robin Ohle

In immer rasanterem Tempo verändert der wissenschaftlich-technologische Fortschritt unsere Gesellschaft und stellt dabei grundlegende zivilisatorische Prinzipien infrage. Doch obwohl es um viel geht, lässt sich ein angemessener gesellschaftlicher Gestaltungsentwurf bisher nicht erkennen. In einem zeitgemäßen Humanismus könnte die Antwort liegen.

Jedes Zeitalter besitzt seine charakteristischen Merkmale. Schaute man etwa in einhundert Jahren auf das Gegenwärtige zurück, so möchte man vielleicht unseren großen Zukunftsglauben als ein solches identifizieren. Man würde sich gewiss daran erinnern, von welch pulsierendem Optimismus wir damals beseelt waren, als es um die großen Fragen der Menschheit und deren Lösung ging.

Gründe für solch eine Haltung existieren im Hier und Jetzt freilich zuhauf. In beinahe allen Lebensbereichen lassen sich in immer kürzeren Abständen verheißungsvolle Durchbrüche und Neuerungen verzeichnen. Von Tag zu Tag nimmt der Grad unserer globalen Vernetzung zu, indem wir die Formen unserer Kommunikation immer effektiver und unmittelbarer gestalten. Aus gigantischen Mengen an Informationen erwachsen uns immer rascher fundamentale Erkenntnisse über unseren Körper, unseren Planeten und den Kosmos. Schritt um Schritt eröffnet uns eine „vierte industrielle Revolution“ ungeahnte Optionen und Potentiale. Zuweilen fühlt man sich von dieser Energie erfasst, spürt die Ungeduld in sich aufkeimen und möchte prompt alle vermeintlichen Mauern einreißen, welche zwischen uns und einem besseren Morgen stehen. Den Hunger und die großen Krankheiten besiegen, das Altern stoppen, dem Tod entrinnen – alles scheint möglich. Die Wiege dieses Evangeliums liegt im Silicon Valley und seine Prophetinnen und Propheten heißen Sandberg, Bezos, Kurzweil oder Cook.

Doch so einfach ist es nicht. Durchaus denkbar wäre nämlich auch, dass man sich unser in einhundert Jahren als Gesellschaft der Ahnungslosen erinnert, als Generation der Versager, welche zuletzt nicht einmal mehr auf Sicht fuhr, sondern blind – und des Eisbergs schließlich am Erbeben des Schiffsrumpfes gewahr wurde.

Anhaltspunkte für solch trübe Gedanken existieren wiederum ebenfalls in großer Zahl, doch liegen sie oft eher verborgen in den toten Winkeln des öffentlichen Interesses oder sind intellektueller Zeitvertreib einer kleinen Gruppe von Insidern. Als Nachhut einer jeden großen Innovation schleichen sich bekanntlich auch Gefahren durch die Pforten unserer Gesellschaft. Doch wenn es beispielsweise um digitale Neuerungen geht, nährt unser in aller Regel stiefmütterlicher Umgang mit deren Risiken ein kollektives Zerrbild hinsichtlich der Früchte eines auf Innovation getrimmten Zeitalters. Wer zu lange in die Sonne starrt, droht blind für den Schatten zu werden. Eine häufig zitierte Studie der University of Oxford prognostizierte bereits 2013, dass in den kommenden 20 Jahren etwa die Hälfte aller Erwerbstätigkeiten im Zuge von digitaler Algorithmisierung und Automatisierung vom Menschen zur Maschine wandern könnte. Doch wann spricht man im großen Stil darüber? Wir erleben die große Monetarisierung persönlicher Daten, gespeichert auf gigantischen Servern einiger weniger Konzerne, ohne effektives Verfallsdatum. Wo wird ernsthaft über die Konsequenzen des Umstands debattiert, dass sich unsere junge Generation zu größten Teilen aus Individuen zusammensetzt, deren Jugend samt Erlebnissen und Fehltritten zahlreiche (unauslöschbare?) Zeugnisse im Internet hinterlassen hat? Was bedeutet es folglich für eine repräsentative Demokratie, wenn die Verantwortung übergeht an diese Generation der Angreifbaren? Welche Strategien müssen wir entwickeln, wenn aus digitalem Hype die analoge Misere resultiert? Liest man morgens Orwell, mittags Bostrom und schaut am Abend eine Episode der Serie „Black Mirror“ so möchte man meinen, vielerorts die Vorboten einer gläsernen, unerbittlichen und menschenfeindlichen Zukunft ausmachen zu können.

Wer nun, wie hier geschehen, den Versuch unternimmt, den Blick auf die künftige Welt in ein utopisches und ein dystopisches Lager zu unterteilen, stellt rasch fest, dass beide Haltungen durchaus über ihre belastbaren Argumente, anschaulichen Visionen und wortgewaltigen Apologeten verfügen. Drum liegt die Crux im Beschreiten eines bedachten Mittelwegs, welcher die Chancen und Risiken unseres Zeitalters gleichermaßen berücksichtigt, um Orientierung zu spenden.

Ein möglicher Trittstein für einen solchen Pfad findet sich im Humanismus. Obschon weithin geläufig, fallen die Interpretationen für diesen Begriff auch heute noch erstaunlich unterschiedlich aus. Auffällig ist dabei vor allem, dass der Humanismus nicht selten in einer rein historischen Dimension betrachtet wird, sozusagen als bloßer Trabant von Renaissance und Aufklärung. Doch er war stets mehr als das und die Kernideen dieser geistigen Bewegung haben nichts an Aktualität eingebüßt. Im Mittelpunkt steht dabei der Mensch samt Wesen, Fähigkeiten und Potentialen. Es geht um die tiefreichende Frage, worin das „Humane“ in uns besteht und wonach wir letztlich streben sollten. Auf derlei humanistische Grundfragen lieferten vergangene Epochen verschiedene Antworten, doch geschah dies stets auf Basis eines „im Kern konstanten“ Homo sapiens. Im 21. Jahrhundert jedoch sehen wir uns mit einer dahingehend neuen Realität konfrontiert: Das Menschliche steht zur Disposition. Eine in sprunghaften Fortschritten begriffene Biotechnologie etwa könnte die Manipulation unseres Genoms oder die gezielte Optimierung unserer kognitiven Kapazität ermöglichen. Auf anorganischer Ebene künden Brain-Computer-Interfaces, intelligente Implantate oder Nanobots von einer denkbaren „Cyborgisierung“ des Menschen. Doch nicht nur der menschliche Organismus könnte in grundlegenden Wandel geraten, sondern auch dessen Rolle in einer Gesellschaft, in welcher Maschinen ihren Platz als neue Akteure einnehmen werden. Die Conditio humana scheint wie Knete zwischen den Fingern des Zeitgeistes.

So braucht es dringend neue und zeitgemäße Antworten auf die großen humanistischen Fragen. Es gilt, in diesem Jahrhundert neue Gedankenpaläste der Menschlichkeit zu errichten, in deren Hallen wir die Grundzüge einer universalen Ethik für das digitale Zeitalter konzipieren können. Es braucht einen belastbaren, einen klugen, einen selbstbewussten Humanismus für das 21. Jahrhundert.

Robin Ohle

humenta fellow